Als mein Mann von seiner anstehenden Reise nach Afrika gesprochen hat, gab es eine einzige Frage, die mir in Sinn kam: was will er da? Ich konnte mir ungefähr vorstellen, was einen auf so einer Reise erwartet: gnadenlose Hitze. Mücken. Stundenlange Fahrten in einem nicht besonders komfortablen Geländewagen, genannt „Blechkiste“. Die Gefahr beim Schlafen im Zelt in der Wildnis von einem Löwen aufgefressen zu werden. Was findet man Besonderes in Afrika, warum lohnen sich die Gefahr und die Quälerei? Was zieht tausende Touristen jährlich auf den afrikanischen Kontinent?

Die Antwort auf diese Fragen kam später. Während er in Afrika war und ich in München, haben wir mehrmals stundenlang telefoniert. Dass die Telefonrechnung genauso so hoch sein wird, wie die Reisekosten selbst, war uns beiden klar. Aber er hatte viel zu erzählen, und ich hatte viel zu fragen.

Die Hitze des Tages hat sich etwas gelegt und die Sonne sinkt zum Horizont. Ich fahre durch pastellgrüne Gräser in ein Seitental des Brandberg-Massivs, der höchsten Erhebung in Namibia. Anmutige Oryx-Antilopen kreuzen meinen Weg. Die anfänglich sandige Piste wird nach und nach unwegsamer, felsiger und endet schließlich ganz. Ein Blick zurück offenbart einen atemberaubenden Ausblick auf die rot glühenden Wüstenebenen unterhalb des Massivs.
Afrika. Die Wiege der Menschheit. An diesem Ort ist das deutlich spürbar. Rund 50.000 Felszeichnungen belegen die Besiedelung durch den Menschen vor tausenden Jahren und eine reiche Tierwelt. Ich kann mir gut vorstellen, wie hier einst riesige Herden durch die Ebenen zogen, begleitet von Löwen und anderen Raubtieren.

Hast du da draußen gefunden, was du gesucht hast?

Das war meine erste Frage am Telefon. Ich wusste, wenn man so eine Reise macht, die wenig Komfort, aber möglichst große Nähe zur Natur beinhaltet, sucht man etwas. Und ahnte, dass man die verlorenen Teile von sich selbst da draußen zu finden hofft. Ich bin überzeugt davon, dass wir Menschen doch mehr Tier, als Mensch sind. Vor tausenden von Jahren waren unsere Seelen frei, unsere Körper auch. Seitdem hat sich viel geändert: wir haben es gelernt unter ständigem Zeitdruck zu leben und nicht mehr sich selbst zu gehören. Wir haben es gelernt acht Stunden täglich im Büro zu verbringen, vorm Bildschirm zu sitzen und sich dabei kaum zu bewegen. Aber irgendwo in jedem von uns lebt ein wildes Tier. Es wartet darauf, freigelassen zu werden, keiner Ordnung mehr folgen zu müssen und wieder das zu sein, was es mal war: frei.

Während sich zuhause in Deutschland über 80 Millionen Menschen auf 357 Tausend Quadratkilometer drängen, verteilen sich in Namibia 2 Millionen Menschen auf einer Fläche die knapp zweieinhalb Mal größer ist. Namibia weist die geringste Bevölkerungsdichte in ganz Afrika auf. Das erfährt man hier schnell, wenn man sich abseits der Hauptrouten bewegt – manchmal begegne ich keiner Menschenseele.
Das nächste Ziel ist das berühmte Sossusvlei. Während die meisten Besucher in Sesriem bereits in den frühen Morgenstunden auf Einlaß in das rund 60 km tief in das Herz der Namib führende Tal warten, fahre ich erst am späteren Nachmittag ein und erlebe hier, bei milderen Temperaturen, statt Sonnenaufgang den Sonnenuntergang, was auf jeden Fall ebenso beeindruckend ist. Atemringend erklimme ich Düne 45 und lasse meinen Blick über die Landschaft schweifen.

Das Tier in mir

Einmal hat mein Mann mir ein Foto von einem Geparden zugeschickt. Für einen Moment ist mir der Atem stehen geblieben. Auf dem Foto sah ich rote Erde, von der Sonne ausgetrocknete Pflanzen und eine wunderschöne Wildkatze. Auf einmal war mir klar, dass wir beide uns vom Wesen sehr ähnlich sind. Ich habe die Freiheit dieses Geparden bewundert und beneidet. Es ist nicht so, dass ich mein Leben in der Zivilisation nicht mag und nicht schätze. Sehr sogar. Aber ein Teil von mir hat plötzlich Sehnsucht nach dieser Freiheit verspürt. Ein Teil von mir wollte rote Erde unter den Füßen haben.

Als ich meinen Mann nach seiner Reise zwei Wochen später vom Münchner Flughafen abgeholt habe, sah er ziemlich verwildert aus. Stachelig, wie ein riesiger Igel, braun von der Sonne und in den staubigen Klamotten sah er aus, erkannte ich ihn kaum wieder. Seine Seele war allerdings genauso verwildert.

Von dort führt mich die Route nach Osten an den westlichen Rand der Kalahari. Der Besuch dieses Landes macht mich nachdenklich. Die Freiheit hier steht in scharfem Kontrast zu unserer durch und durch reglementierten Welt jenseits von Afrika, mit ihrer Betriebsamkeit und ihrer steten Eile. Zurück in München stehen wir im Stau. Mein Blick streift die vorbeieilenden Passanten. Familien. Kinder, die an Händen hinterhergezogen werden. Keine Zeit, keine Zeit. Meine Gedanken schweifen ab, in die weiten, von kleinen roten Granithügeln umrahmten Grasebenen in Damaraland.

Afrika ist ein überwältigendes emotionales Erlebnis

„Ich mag nicht mehr zurück“, – hat mein Mann mir am Flughafen gesagt. „Ich gehöre nicht hierhin, das Leben hier ist verrückt.“ Und dann wusste ich, was er da draußen gefunden hat: die Freiheit. Sie ist überall in Afrika zu finden: im ausgetrockneten Salzsee, in den Flecken einer Giraffe, in den staubigen Schotterstraßen, die sich am Horizont verlieren. Die Freiheit ist an der nebligen und menschenleeren Atlantik-Küste zu finden, in den tausend fliegenden Flamingos, in den roten Sanddünen. Afrika erinnert alle die es betreten daran, dass dort unser Uhrsprung ist, dass die Menschheit in Afrika entstanden ist. Und die Tatsache, dass wir uns später auf anderen Kontinenten verteilt und ausgebreitet haben, hat nichts an der uralten Verbindung zwischen Afrika und jedem, der dieses Land betritt, verändert.

Afrika ist vor allem ein überwältigendes emotionales Erlebnis. Afrika schüttelt einen wach aus seinem Zivilisationsschlaf, Afrika gibt uns die scharfe Wahrnehmung wieder zurück. Man hört, riecht, fühlt alles um sich herum viel besser und deutlicher. Die Reise nach Afrika ist in gewissem Sinne die Reise zu sich selbst. Man kommt verändert zurück. Weit weg vom Stress, von der Hektik, vom Zeitdruck, von den Terminen und der Zivilisation, wird man erst zu dem, was man eigentlich ist. Vielleicht ist jeder danach ein bisschen Gepard. Ein Gepard out of Africa.

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